Digitalisierung und Gesundheit - Schadet die Digitalisierung unserer Psyche?

Published on: 12 Apr 16:21

Es summt, vibriert, blinkt und piept – 24/7 sind wir online. Manchmal sind die Nachrichten wichtig, manchmal eher nicht. Smartphones, Laptops, Tablets – alles kann wieder aufgeladen werden, aber was ist mit unseren eigenen Akkus? Beeinträchtigen die Digitalisierung und die damit einhergehende Reizüberflutung möglicherweise unsere Gesundheit? Dieses Thema ist besonders dann relevant, wenn man auch im Berufsalltag mit der Digitalisierung konfrontiert wird und, besonders als Freelancer im Homeoffice, seine Arbeitskollegen und Kunden nur sehr selten oder hauptsächlich per Videokamera zu Gesicht bekommt. Welche Vor- und Nachteile die Digitalisierung für unsere Psyche bringt, wird in diesem Artikel zusammengefasst.

Lukas Bieri

Mehr Selbstbestimmung, Flexibilität und Zeitersparnis

Durch die Digitalisierung werden Home Office und komplett remotes Arbeiten immer weiter ermöglicht. Dadurch gewinnen die Arbeitnehmer oder Freelancer an Flexibilität in Ort und Zeit. Dies wiederum führt zu mehr Selbstbestimmung und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Man kann arbeiten, wenn man am produktivsten ist, sich erholen, wenn eine Pause benötigt wird und auf die Kinder aufpassen, wenn das Kindermädchen mal krank ist. Diese Flexibilität führte laut einer Langzeitstudie der University of St. Gallen zum Thema „Digital arbeiten und gesund leben“ innerhalb von zwei Jahren zu 14% weniger Krankmeldungen und 30% weniger Schlafproblemen.

Überbelastung, permanente Erreichbarkeit, Einsamkeit und Stress

Obwohl die positiven Aspekte sehr geschätzt werden und für Betroffene häufig wichtiger sind als die negativen, sollten Letztere nicht außer Acht gelassen werden.

Durch die Flut an Informationen, die täglich auf uns einströmen und den Druck, (zu denken,) ständig erreichbar sein zu müssen, kann es zu einer digitalen Überbelastung kommen, die zu Stress, Schlafstörungen und sogar bis hin zu Burnout führen kann.

Anpassungsdruck

Hinzu kommen die sich ständig weiterentwickelnden Technologien, die sich Arbeitnehmer aneignen müssen und die damit zunehmende Komplexität. 28% der Betroffenen verspüren dadurch einen hohen Anpassungsdruck - aus Angst, nicht mithalten zu können und ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Letzteres wird besonders gefürchtet, weil repititive Aufgaben immer mehr von Maschinen abgelöst werden und bereits viele Arbeitsplätze dadurch verloren gegangen sind (Noch mehr zum Thema „Industrie 4.0 – Digitalisierung der Arbeitswelt. Werden wir bald durch Roboter ersetzt?“ findet ihr in diesem Blogpost).

Zunehmende Arbeitsmenge und Arbeitsverdichtung

Andere Stressfaktoren, besonders für Freelancer, sind die größere Arbeitsmenge sowie die Arbeitsverdichtung. Da man als remoter Arbeiter vielmehr nach Leistung als nach Arbeitszeit vergütet und auch kontrolliert wird, arbeiten Freelancer sehr intensiv. In kurzen Zeitspannen bedarf es hoher Konzentration, bevor eine Erholungspause erfolgen kann. Einige Arbeitgeber oder Kunden erwarten auch mehr, als die Arbeiter tatsächlich schaffen können – und um leistungsfähig und vertrauenswürdig zu wirken, lassen sie sich oft darauf ein. Dies führt zu enormem Stress, die Aufgaben zeitnah zu erledigen und manchmal auch zu unbezahlten Überstunden.

Konzentrationsschwierigkeiten durch Unterbrechungen

Am Computer zu arbeiten bedeutet, ständig der Verführung ausgesetzt zu sein, sich abzulenken. Hier eine Mail, da ein YouTube-Video, dort eine Whatsapp-Nachricht, usw. Im Internet gibt es Ablenkungen wie Sand am Meer. Doch auch im Home Office kann es dazu kommen, wenn der Postbote klingelt, die Kinder schreien oder der Partner um Hilfe bittet. Wenn man keine klaren Arbeitszeiten einhält und Ablenkungen nicht konsequent meidet, kommt es zu unzähligen Unterbrechungen, die zu einer Schwächung der Konzentration führen. Um in die Phase der anstrengungslosen Konzentration zu kommen, benötigt das Gehirn jedes Mal 15 Minuten. Wenn man also alle 10 Minuten seine Nachrichten abruft, arbeitet man im Dauerstress, wenn auch unterbewusst.

Kommunikationsdefizite

Ein weiterer Stressfaktor sind Kommunikationsdefizite. Die zwischenmenschliche Kommunikation verläuft heutzutage selbstverständlich über digitale Medien, wodurch aber die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht auf der Strecke bleibt. Freelancer und Digitale Nomaden haben keine festen Arbeitskollegen, und wenn, dann sehen sie diese häufig nur per Videokamera. Die Digitalisierung macht einsam und da können auch keine sozialen Medien helfen. Diese machen nicht unbedingt glücklich, sondern vielmehr süchtig.


Vorbeugen durch Digital Detox, Achtsamkeit und regelmäßige Pausen

Trotz der zahlreichen Nachteile darf man sich keine Sorgen machen. Es kann schließlich auch vorgebeugt werden:

Digital Detox

Wenn man im Berufsalltag viel mit digitalen Medien zu tun hat, ist es hilfreich, sich nach Feierabend digitalfreie Zeiten und Räumlichkeiten einzurichten. Dadurch werden die Reizüberflutung und die permanente Erreichbarkeit eingeschränkt. Doch auch während der Arbeit sind (digitalfreie) Pausen wichtig, um die Produktivität anschließend wieder steigen zu lassen.

Geregelte Zeiten

Letzteres sollte auch mit dem Arbeitgeber abgesprochen werden. Feste Zeiten, um erreichbar zu sein sowie Pausenphasen (bspw. am Wochenende) sollten kein Problem darstellen. Wenn ein Arbeitgeber auf eine permanente Erreichbarkeit bestehen sollte, sollte man sich das nicht gefallen lassen. Schließlich sollte die zunehmende Flexibilität für beide Seiten positive Aspekte haben.

Fairness und Stärkennutzung

Apropos Arbeitgeber: Bestenfalls sollte man nur Aufträge oder Jobangebote annehmen, die fair bezahlt werden und bei denen Stärkennutzung eine wichtige Rolle spielt. Es nützt nichts, in einem Bereich zu arbeiten, dem man überhaupt nichts abgewinnen kann – mit seinen Stärken arbeiten zu können und für etwas, das man als sinnvoll erachtet, bedeutet auch häufig, Spaß bei der Arbeit zu haben.

Achtsamkeit und mehr Bewusstsein

Sich selbst zu kennen und sich von Anfang an realistische Ziele zu stecken, hilft ungemein dabei, seine Grenzen besser verteidigen zu können und die richtigen Prioritäten zu setzen. Mal nein zu sagen, lässt die Welt nicht untergehen und führt zu weniger Stress und sogar zu mehr Respekt! Ebenso sollte man den Kollegen auch nicht zu viel zumuten, wenn man merkt, dass sie das überfordern könnte.

Durch die Digitalisierung treten anstelle der klassischen Gesundheitsthemen wie körperliche Bewegung, Ernährung etc. inzwischen eher Themen wie psychische Gesundheit, Stressmanagement, Achtsamkeit, Schlaf usw. in den Vordergrund.

Ob die Digitalisierung letztendlich gesundheitsfördernd oder gesundheitsschädlich ist, hängt von jedem individuell ab. Die einen passen sich sehr leicht an Veränderungen an und haben Spaß daran, andere setzen sich zu sehr unter Druck und riskieren dadurch gesundheitliche Folgen. Manche lieben es, zu Hause für sich allein zu arbeiten, während andere den Kontakt zu Arbeitskollegen brauchen. Letzten Endes ist es am wichtigsten, auf sich selbst und seinen Körper zu hören, um selbstbestimmt und –bewusst seine Interessen vertreten zu können, ohne dabei andere zu schädigen.



Quellen:

https://loveyourpotential.com/blog/studie-digitalisierung-gesundheit/

https://www.contur-online.de/de/blog/digitalisierung-und-gesundheit.php

https://www.barmer.de/ueberuns/barmer/versorgungsforschung/studie-digitalisierung-34722

https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL25kci5kZS8wYzJiYmY4Yi1jNzljLTQ2NGMtOGZlOS02MmM0YmQyNjY2M2E/


https://www.kwb.de/kwb/pages/index/p/1424